Monat: Juni 2011

Solide Mittelständler im Zirkus-Business

22 Wagen, drei LKW, 12 Mitarbeiter, 40 Tiere, ein paar Mittelklassewagen und eine schwere Limousine aus Schwaben: Ein solides mittelständiges Unternehmen macht Station in Altena, der Zirkus Europa kommt. Natürlich hat dieser Dienstleistungsbetrieb der Unterhaltungsbranche eine lange Tradition. Er besteht in der siebten Generation. Zweifellos rekordverdächtig, angesichts der Halbwertszeiten im kurzlebigen Show-Business.

Heinrich Neigert ist Junior-Chef des „Zirkus Europa“. Er schätzt, dass es 350 derartige Betriebe in Deutschland gibt. 50 davon würden durch den Neigert-Clan repräsentiert. Das Zirkus-Geschäft wächst und gedeiht, denn immer mehr Neugründungen gibt es. Heinrich Neigert: „Die Zahl der Zirkusse steigt ständig.“ Das hängt offensichtlich mit den großen Familien zusammen. Neigert: „Irgendwann machen sich die Söhne oder Töchter selbstständig, gründen ihren eigenen Zirkus.“ So wird die Fortführung der Familientradition und des Geschäftes gesichert.

Nachwuchsprobleme wie bei Handwerkern oder manchem Industriebetrieb gibt es nicht. Gleichzeitig wird gewährleistet, dass ein einzelner Zirkus nicht zu groß und zu unübersichtlich wird, denn nur wenige Großzirkusse haben ihr Auskommen. Trotz der starken Familienbande sind die Zirkusleute aufgeschlossen. So stammt Neigerts Frau nicht aus der Szene, hat nicht „Zirkus“, sondern Bürokauffrau gelernt und kümmert sich um die Buchhaltung. Die muss ordentlich sein, denn das Finanzamt will Lohn- , Umsatz-, und Einkommenssteuer haben. Zuständig ist das Finanzamt Bitburg. Dort ist nämlich Firmensitz der Neigerts. Hier geht die Post hin. Auch sonst agiert der Zirkus wie jedes andere mittelständische Unternehmen auch.

Der Zirkus ist versichert falls „ein Zuschauer vom Pferd gebissen wird“ und selbstverständlich werden Beiträge für die Berufsgenossenschaft abgeführt: Die Artisten sind abgesichert. Besonders teuer in der Versicherung kommen aber die Feuerschlucker: „Da kann immer etwas passieren.“ Und als andere Mittelständler noch nicht einmal wussten, wie Globalisierung geschrieben wird, da haben die Zirkusleute schon längst damit ihre Erfahrungen gesammelt. So kommen die Artisten meistens aus Südosteuropa oder gar der Mongolei, werden über Agenturen engagiert, die sich auch um die Formalitäten wie die Aufenthaltserlaubnis und dergleichen kümmern. Gerne werden sie genommen, weil sie „preiswert und besonders gut sind.“ Auch gute deutsche Artistenfamilien gibt es. Derzeit haben die Neigerts die Köllners unter Vertrag. Sie bekommen ein erfolgsabhängiges Gehalt.

Diversifizierung ist ein weiteres Stichwort für den Zirkus Europa: Geld wird nicht nur mit Vorstellungen in den einzelnen Städten verdient: Auch spezielle Engagements wie bei der Feier eines Golf-Clubs, bei Hochzeiten oder Auftritte in Paris lassen die Kasse klingeln. Und im Winter hat der Zirkus einen Dauerstandplatz in einer Großstadt. Neuerdings bemüht man sich auch um Werbeverträge. Gute Werbung ist bei allen Aktivitäten natürlich das A und O: „Wir haben 25 000 Werbezettel in der Umgebung verteilt, sonst läuft es nicht,“ sagt Neigert. Über die neuesten Trends in der Zirkus-Szene ist das Management auch immer informiert. Schließlich besuchen Repräsentanten der Firma Neigert regelmäßig eine spezielle Messe: Das Zikus-Festival in Monaco. (vdB)

Anm: Ein älterer, bereits veröffentlichter Text. Ich dachte, dass ich einen Zirkus auch mal aus dieser Warte beschreiben könnte.

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